Im mittleren Lahntal, auf einem flach zum Fluss hin abfallenden Unterhang unweit der Stadt Leun (Lahn-Dill-Kreis), finden sich auf zwei Flurstücken mit den bezeichenden Namen „Martinskirch“ und „Martinsfeld“ die Reste einer mittelalterlichen Kirche. Aufgrund der Lesefunde kann die Siedlungstätigkeit auf den Zeitraum zwischen der 2. Hälfte 8. Jh. und 15. Jh. eingeordnet werden. Damit dürfte die Anlage zu den ältesten Kirchenbauten im hessischen Lahn-Dill-Gebiet gezählt werden und ist damit ein wichtiges Zeugnis des fränkischen Landesausbaus in der Region. Wie im Fall der kaum 10 km nordöstlich im Siebenmühlental bei Nauborn gelegenen Basilika der Theutbirg stammt die erste urkundliche Erwähnung aus der 2. Hälfte des 8. Jhs.

Die archäologische Fundstelle wurde schon im Jahre 1971 im Zuge des Ausbaus eines Zubringers von Leun-Lahnbahnhof zur B49 entdeckt. Umso verwunderlicher erscheint es, dass die genaue Lage dieser landesgeschichtlich wichtigen Fundstelle schon bald darauf wieder in Vergessenheit geriet. Erst durch den ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Klaus Engelbach sowie nachfolgend durch Studierende des Vorgeschichtlichen Seminars, konnte die Fundstelle anhand der Konzentrationen an Keramik und Knochen auf der Ackeroberfläche genau eingegrenzt werden.

Mit Hinsicht auf den anstehenden Ausbau der Bundesstraße veranlasste die Stadt Wetzlar im Jahr 2004 eine geomagnetische Prospektion im Bereich der Leuner Ortsflur 12. Eine vergleichende Auswertung mit den inzwischen durch das Geoarchäologische Labor der Philipps Universität (Geoelektrik und Radar) und die Firma PZP (Geomagnetik) durchgeführten ergänzenden geophysikalischen Untersuchungen sowie der Luftbilder, lässt deutlich den 17 x 8 m messenden Kirchenbau mit halbrunder Apsis im Osten sowie eine einfassende Mauer erkennen.

Die im Zuge der regelmäßigen Oberflächenbegehungen durch Marburger Studierende geborgene Lesefunde, unter denen sich neben Architekturbestandteilen auch immer wieder menschliche Gebeine befinden, zeigten die agrarisch bedingte Zerstörung des Bodendenkmals deutlich. Um die für die Frühgeschichte des mittleren Lahntals wichtigen Befundensembles aus Kirchhof, Kirchenbau und umgebender Dorfwüstung für die Landesforschung zu dokumentieren, fand im Sommer 2015 eine erste Grabungskampagne des Vorgeschichtlichen Seminars statt. Im Verlauf der vierwöchigen Untersuchung konnten durch diagnostische Sondagen die Lage und der Erhaltungszustand der Kirche sowie der Friedhofsmauer verifiziert werden. Unweit der westlichen Kirchenmauer wurde zudem ein bisher mindestens vier Individuen umfassendes Kollektivgrab angeschnitten.

Neben den traditionellen Vermessungs- und Dokumentationsmethoden wurden dabei auch innovative Verfahren wie die sogenannte SfM (Structure from Motion) Technik eingesetzt. Dabei wurden terrestrische wie auch aus dem Quadrokopter aufgenommene fotografische Aufnahmen  zum automatisierten Erstellen detailreicher 3D-Modelle verwendet.

Die zweite Kampagne der Lehrgrabung „Leun-Martinskriche“ fanden im Sommer 2016 unter Beteiligung von Fachstudierenden von Partneruniversitäten in Kroatien, Finnland und Spanien statt. Als besonderes Fundstück ist das Fragment einer im Verlauf des 13. bzw. frühen 14. Jahrhundert entstandene Kirchenglocken herauszustellen. Zudem konnten verschiedene Siedlungsstrukturen (Brunnen und Keller) wie auch der architektonisch aufwendig gestaltete Chorbereich des Kirchenbaus freigelegt werden.

Projektinformationen

Grabungsort : Leun (Hessen)

Kampagnenlaufzeit: 16.07. – 11.08.2018

Unterkunft vor Ort: Ja

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Anreise: Selbstorganisiert

Voraussetzungen: Keine

Sprachkenntnisse: Englisch, Deutsch